Wie das Leben so spielt

Von Spielesucht und Realitätsflucht

Heute schreibe ich über ein Thema, dass mir persönlich sehr am Herzen liegt. Eigentlich sind es zwei Themen, die in meinem persönlichen Fall allerdings eng in einander greifen.

Zum einen geht es dabei um die Spielesucht. Diese gibt es ja in verschiedenen Ausprägungen, sein es nun Handyspiele, Karten- oder Kasinospiele oder eben die Sucht nach Computerspielen. Und ich gebe ganz offen zu, dass ich süchtig war. Man hört ja immer wieder von diesen Leuten, die den ganzen Tag abgekapselt zu Hause sitzen und den ganzen Tag nur zocken, meistens auch noch mehrere Spiele nebeneinander, manchmal auch gleichzeitig. Das sind die besonders harten Fälle. Aber auch Leute, die nach außen hin einen ganz normalen Alltag haben, können schon süchtig sein. Das war bei mir der Fall. Ich arbeitete ganz normal, kam Abends nach Hause, aß zu Abend… und dann ging es in die Fantasywelt von Herr der Ringe Online. Ich liebte Herr der Ringe schon damals und das Spiel an sich ist auch echt toll. Es fing klein an, man spielte so vor sich hin, nicht mit dem Ziel, besonders toll zu sein, man wollte einfach nur Spaß haben. Aber dann stellten sich die ersten Erfolge ein, der Spielecharakter wuchs und man fand schnell Leute, mit denen man zusammen spielte. Und da fing der Druck an. War der Rechner aus, begann man sich zu fragen, wie weit jemand anders wohl schon gekommen war. Ob man vielleicht im Spiel etwas verpasste, irgendein tolles Event, ein tolles Angebot im spieleigenen Auktionshaus. Das ist das tückische an solchen Spielen. Man verpasst immer irgendwas. Und schon beginnt man, mehr Zeit im Spiel zu verbringen, weil man das Gefühl bekommt, hinterher zu hinken. Das das vielleicht an den Leuten liegt, dann den ganzen Tag im Spiel verbringen, kommt einem dann nicht in den Sinn.
Diese Sucht ist leider eine, vor der keiner so recht gefeilt ist. Ich für meinen Teil habe immer von mir gedacht, dass ich kaum Suchtpotenzial habe, zumal man ja weiß, dass es süchtig machen kann. Aber so passiert es eben…

Herr der Ringe Online war dann auch gleich eine Möglichkeit zur Realitätsflucht. In vielen Onlinerollenspielen ist es üblich, dass sich Rollenspielgemeinschaften bilden. Dort nimmt man dann mit einem Charakter eine bestimmte Rolle ein und spielt sie eben. Dialog wird per Chat betrieben, genauso wie man dort genau beschreibt, was der Charakter macht. Das ist natürlich eine ganz tolle Möglichkeit zur Realitätsflucht in eine Welt, in der man alles sein kann, solang man es beschreiben kann. Bei mir kam diese Phase zeitgleich mit einer Zeit, in der es mir beruflich nicht gut ging und ich mit meinen Nerven zu kämpfen hatte. Da flüchtet man natürlich gerne mal vor dem echten Leben.

Man muss dazu sagen, dass in dieser Zeit meine sozialen Kontakte massiv gelitten haben. Man verlor Freunde und Bekannte, weil man „keine Zeit mehr hatte“. Die Beziehung litt. Und als die Beziehung litt sorgte dass nur noch mehr dafür, dass ich mich weiter ins Spiel abkapselte. Dort hatte man „Freunde“. Diese „Freunde“ haben allerdings im Nachhein auch dafür gesorgt, dass ich dem Spiel entsagt habe. Das ist aber auch eine andere Geschichte…

Heute bin ich sehr froh, dass ich von den Onlinespielen weg bin. Langsam versuche ich mir wieder ein neues soziales Umfeld aufzubauen, habe nun andere Hobbies und Leidenschaften (Sport!!). Ich weiß allerdings auch, dass ich solche Spiele nicht mehr anfassen will und sollte. Ich habe es bereits versucht, aber schnell gemerkt, dass die Gedanken viel zu oft beim Spiel sind, ja, ich habe mich manchmal sogar mit dem Lieblingsmensch gezofft deswegen. Und das kann echt nicht sein.

Kennt ihr das vielleicht auch? Nicht unbedingt mit Spielen, vielleicht mit anderem?

5 Kommentare zu „Von Spielesucht und Realitätsflucht

  1. Da hast du echt was angesprochen, das mich selbst immer beschäftigt.
    Ich bin jetzt nicht spielsüchtig und hab auch sonst keine Probleme in der Richtung, aber als würde ich das anziehen ist das in meinem Umfeld immer präsent.

    Was mich betrifft kenne ich die Realitätsflucht – mit ca. 14 habe ich mich total vor den PC zurück gezogen, um mir die „besseren Realitäten“ in Animes zu gönnen und an Webseiten zu basteln oder zu chatten. Kaum war die Schule aus, war ich vorm PC. Bei mir war es aber nicht dass meine sozialen Kontakte dadurch litten, sondern ich habe erst damit angefangen, weil ich keinen Anschluss in meinem Umfeld mehr gefunden habe. Mich hat das „niedersaufen“, ständig fortgehen usw. einfach nicht interessiert und war damit „uninteressant“. Und hab mich in die virtuelle Welt geflüchtet.
    Andersherum war es aber auch vorbei, als ich die richtigen Leute kennen gelernt habe (bzw. die meisten aus dem „niedersauf-Alter“ heraussen waren) und jetzt habe ich gar keine Schwierigkeiten mehr damit. Ich kann auch problemlos immer noch alles davon ab und zu machen, ohne hinein gezogen zu werden.

    Aber das Online-Zocken ist in meinem Umfeld ein riesiges Problem. Angefangen hat es bei meinem Papa. Wir hatten schon immer Konsolen zu Hause und hin und wieder gespielt und mein Bruder und ich hatten immer einen gesunden Umgang damit. Da wusste jeder dass es nur ein Spiel ist und wir waren trotzdem auch immer mit anderem beschäftigt. Aber als mein Papa WoW für sich entdeckt hat, war er kaum mehr davon weg zu bekommen. Selbst das Abendessen wurde zum Problem, weil er ja zu „beschäftigt“ war. Sein ganzes Leben bestand nur noch aus Zocken und Arbeiten gehen und er war auch immer wahnsinnig gereizt, wenn etwas im Spiel nicht geklappt hat. Aufs Klo gehen war für ihn natürlich auch ein No-Go.
    Weil meine Mama keinen Anschluss mehr zu ihm gefunden hat, hat sie auch angefangen – um ihn zumindest im Spiel zu erreichen. Die Folge: Es gab kein anderes Thema wie WoW mehr, mein Papa hat sie ständig zur Sau gemacht wenn sie seiner Meinung nach schlecht gespielt hat und es wurde nur noch über Onlinekontakte geschwärmt, obwohl ich ein paar Jahre davor immer beim chatten geschimpft wurde, weil meine Chatpartner ja alle „potentielle Lügner und Kriminelle“ seien.
    Erst nachdem ich ausgezogen bin, hat sich das gebessert – zumindest sagen sie mir das.

    Aber das ALLERSCHLIMMSTE kommt ja noch. Meine Eltern haben mein Problem mit ihrem Zocken nie ernst genommen, im Gegenteil, sie haben sich darüber lustig gemacht dass ich so eine „Keife“ (also Zicke) wäre. Weil ich das nie wieder erleben wollte, habe ich mir einen Freund gesucht, der kein Interesse am Zocken hatte. Er war eher der gemütliche Naturbursche, der zwar schon gern mal gefernseht hat, aber meistens draußen war. Aber meine Eltern konnten es nicht lassen und haben ihm immer wieder Spiele geschenkt. Wenn ich mich beschwert habe war ich immer nur der „Hausdrache“ der seinen Freund unterdrücken will. Deswegen habe ichs gelassen und weil ich gesehen habe, dass die Spiele eh nur im Regal verstauben. Bis es ein Spiel doch geschafft hat. Und schwupps, hatte ich zu Hause einen Freund, der bis auf arbeiten nur noch vor dem Onlinespiel gehockt ist. Wenn er mit mir gemeinsam gegessen hat (was auch nicht immer möglich war) und ich wollte noch was machen, hieß es „jetzt haben wir ja eh was gemeinsam gemacht“. Ich war so oft kurz davor die Beziehung zu beenden. Egal wie ich versucht habe das mit ihm hinzubekommen, eine kurze Zeit gings vielleit und dann war es wieder gleich wie vorher.
    Zuerst haben mich meine Eltern wieder als „Hausdrachen“ und „Spießer“ belächelt, bis sie irgendwann so weit waren, auch die andere Seite sehen zu können. Aber dass sie sich da dann entschuldigt haben, hilft mich auch nicht mehr viel. Das konnte ich ihnen nie wirklich ganz verzeihen, denn mein Freund und ich hatten bis auf das Zocken nie Streitereien oder wirkliche Probleme. Im Endeffekt ist das Problem immer noch da (seit Jahren…), aber wir haben fixe Spielabende ausgemacht und ich musste ihm für in der Nacht eine Kindersicherung einstellen, weil er teilweise (auch unter der Woche!) fast bis in der Früh gespielt hat. Es geht, aber es gibt immer wieder Reibereien deswegen, auch wenn wir zumindest so weit sind danach wieder alles zu klären.

    Also ich kenne das Problem besonders als „Beobachter“ und kann nur sagen wie schwer es ist, jemanden davon wegzukriegen. Solange der Betroffene nicht bereit ist einen Schlussstrich zu ziehen, ist das nie weg. Und wer will schon etwas beenden, das ihm soviel Spass macht? Nur weil es „andere nervt“? Immerhin sind sie ja „eh zu Hause“ und es wäre (bei nur einem Spiel) ein billiges Hobby. Und wenn doch alles andere auf einmal so langweilig wirkt?

    Ich finde es echt schlimm, dass diese Sucht noch so unter den Tisch fällt und nicht ernst genommen wird. Ich meine, es gibt z.B. nur eine Handvoll Psychologen die auf dieses Thema spezialisiert sind. Man findet kaum Lektüre, die sich auch an erwachsene Betroffene richtet. Dabei bin ich mir sicher dass es unzählige Betroffene gibt, die alleine leben und bei denen das nicht so auffällt.
    Man kann nur hoffen, dass sich das irgendwann ändert.

    Omg, jetzt hab ich dich aber zugetextet, sry XD

    1. Ach das ist ein ernstes Thema, zu dem man Romane schreiben kann. Es gibt leider Gottes genug Leute, die davon betroffen sind und bei denen es nicht ernst genommen wird. Ich mein, wenn das Umfeld dieses Problem nicht ernst nimmt, wie soll der Süchtige dann erst richtig damit umgehen?
      Ich kenne auch einen noch extremeren Fall aus meinem mehr oder weniger direkten Umfeld. Da ging wegen der Sucht die Beziehung in die Brüche… bei einem sehr geduldigen Partner, der das lange mitgemacht und sich vorallem selbst fertig gemacht hat. Also das schadet nicht nur den Süchtigen selbst, sondern auch dem Umfeld massiv, wie du auch schon gemerkt hast.

  2. Ich kenne das leider sehr gut….
    Online Games und so sind teilweise wirklich schlimm und fesselt. Ich habe mal ne Zeit lang WoW gezockt und das war wirklich krass. WoW hat ein extrem starkes Suchtpotential.
    Und das habe ich stark gemerkt. Irgendwann habe ich GTAV gekauft und WoW ist im Hintergrund verschwunden. Durch meine wunderbare Internet Leitung #Ironie habe ich GTAV schnell wieder fallen lassen. Aktuell zocke ich mal dies dann das. Alles eher kleinere Sachen und Simulationen. Und meist auch in einer kleinen Community. Da kennt man die Leute und so weiter. 🙂

    Den Anschluss an die Leute hier bei mir habe ich nie verlieren können, da war nie ein großer. Einfach zu unterschiedliche Interessen. Allerdings baue ich durch Schule und Arbeit mein Umfeld beständig weiter auf.

    LG
    Cedric

  3. Ich bin Schokoladenabhängig, jetzt ohne scheiß, aber ich versuch das sehr zu drosseln. Als The Witcher 3 raus kam hab ich auch nichts anderes mehr gemacht als zu zocken, hab mich völlig vernachlässigt und andere auch. Und früher hab ich auch Serien gesuchtet ohne Ende. Jetzt mach ich viele verschiedene Dinge und kümmere mich wieder um mein Umfeld. LG, Mia

  4. Es ist irgendwie erschreckend, wie weit verbreitet dieses Problem doch ist. Ich gehöre ja auch zu den „Erfahrenen“, und meine Geschichte ähnelt der von Lis in vielerlei Hinsicht: Stress im „richtigen Leben“, ein Studienorts-Wechsel, meine Tendenz zu Anpassungsschwierigkeiten an neue Lebensumstände und eine unzähmbare Kreativität…da bietet ein Rollenspiel nur all zu verlockende Möglichkeiten sich zu flüchten.

    Ich hatte dabei jedoch Glück, lernte ich doch meinen jetzigen Lebensgefährten (inzwischen ist er das seit rund 10 Jahren!) bei dieser Gelegenheit kennen: Er war der Admin des – eher familiären – Gameservers meiner Wahl. Und letztlich war er es, der immer wieder das Schlimmste verhindert hat, indem er mich nicht selten unsanft ins „real life“ zurückbeförderte.

    Zum Erfolg führten all diese Bemühungen nach Jahren jedoch vornehmlich, weil unsere Game-Community nicht nur reichlich Gründe zum Aufhören lieferte, sondern weil sie am Ende schlichtweg das Zeitliche gesegnet hat. Das ist nämlich die wirksamste Option, der unerträglichen Sorge etwas zu verpassen (und die habe ich als das Verzehrendste an der ganzen Online-Spielsucht empfunden) endgültig zu entkommen.

    Heute bildet mein Blog mein Bindeglied zwischen der „realen“ und der Online-Welt, und auch wenn die Bloggerwelt vermutlich ähnlich süchtig machen kann wie ein Onlinespiel, reguliert meine Bloggertätigkeit sich selbst: In meinen aufwändigen Beiträgen tobe ich mich dermassen geistig aus, dass ich einen Tapetenwechsel und Input von „aussen“ einfach regelmässig brauche :).

    LG,
    Kathi

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